Netzwerk-Verkabelung ist der Teil der Infrastruktur, der am längsten hält – und deshalb am gründlichsten geplant werden sollte. Ein Kabel, das in der Wand liegt, tauscht man nicht so schnell wie einen Switch.

Kupfer gegen Glasfaser

TWISTED PAIR (Kupfer, RJ45) - die uebliche Verkabelung
  Kategorie 5e    1 Gbit/s bis 100 m   (Mindeststandard heute)
  Kategorie 6     1 Gbit/s bis 100 m, 10 Gbit/s bis 55 m
  Kategorie 6A    10 Gbit/s bis 100 m  (EMPFOHLEN fuer Neubau!)
  Kategorie 7/7A  bringt nur mit speziellen Steckern
                  (GG45/TERA) Vorteile - meist nicht sinnvoll
  Kategorie 8     max. 30 m, fuer Rechenzentrum
  # PRAXIS: Cat 6A verlegen. Der Mehrpreis gegenueber
  # Cat 6 ist gering, die Reserve fuer 10 Gbit/s
  # auf 100 m ist es wert - und das Kabel liegt 15-20 Jahre.
  # Cat 7 ist Marketing ohne Nutzen bei RJ45-Steckern.

  MAXIMALE LAENGE: 100 m (90 m festes Kabel
  + 10 m Patchkabel/Anschlusskabel)
  # Diese Grenze ist NICHT dehnbar. Laengere Strecken
  # brauchen Glasfaser oder einen aktiven Verteiler
  # (Switch) - ein Repeater ist keine Loesung.

GLASFASER (LWL) - fuer alles darueber hinaus
  Multimode OM3/OM4   bis 550 m bei 10 Gbit/s
    -> innerhalb von Gebaeuden, Rechenzentren
  Singlemode OS2      bis 10 km und mehr
    -> zwischen Gebaeuden und Standorten
  # WICHTIG: Bei SFP-Modulen auf die Wellenlaenge
  # achten (850 nm Multimode, 1310/1550 nm Singlemode).
  # Falsche Kombination = kein Licht = keine Verbindung.
  # Und: Reichweite des Moduls zur Faserlänge passen!

Nicht vergessen: Glasfaser-Strecken brauchen
  - passende Patchkabel (LC/SC/ST)
  - passende SFP-Module an beiden Enden
  - Reinigung der Stecker (verschmutzte Ferrule
    ist die haeufigste Ursache fuer Daempfung!)
  - Messung der Daempfung (Einmessen dokumentieren!)

Struktur und Dokumentation

STRUKTUR nach DIN EN 50173 / ISO 11801:
  Ebene 1  Etagenverteiler (EV, "Floor Distributor")
  Ebene 2  Gebaeudeverteiler (GV, "Building Distributor")
  Ebene 3  Standortverteiler (SV, "Campus Distributor")

  Von jeder Netzwerkdose gibt es EIN Kabel
  (Sternverkabelung!) zum Etagenverteiler.
  # KEINE Kaskaden, KEIN Reihenanschluss, KEINE
  # Baumstruktur - das ist ausfallsicher und
  # erweiterbar.

  Abstaende:
    Dose -> Etagenverteiler    max. 90 m
    Etagenverteiler -> GV      Glasfaser (ueber 90 m
                               sonst)
  # Der Etagenverteiler hat also eine Reichweite
  # von 90 m Kabellaenge. Bei Gebaeuden mit
  # langen Fluren reicht das nicht immer -
  # deshalb der Etagenverteiler.

DOKUMENTATION - der wichtigste Teil:
  Fuer jede Dose: Nummer, Raum, Kabelweg,
    Patchfeld-Port, angeschlossenes Geraet
  Fuer jede Leitung im Verteiler:
    Beschriftung an beiden Enden!
  # Praxis: Beschriftungsdrucker (kein Handschrift,
  # kein Klebeband). Fotos der Verteiler.
  # Die Dokumentation als Tabelle UND als Plan
  # (Grundriss mit Kabelwegen).
  # Ohne Dokumentation kostet jede Stoerung
  # ein Vielfaches - und jede Aenderung
  # riskiert, dass eine Verbindung verschwindet,
  # die niemand kennt.

BESCHRIFTUNG:
  Vorder- und Rueckseite, nach dem gleichen Schema
  Beispiel:  V2.03.12  = Verteiler 2, Etage 3, Dose 12
  # Ein Schema einmal festlegen und NIE aendern.
  # Zwei Schemata ueber die Jahre sind ein Chaos.

FARBCODIERUNG (empfohlen, aber frei):
  Blau:  normale Dosen (Buero)
  Grau:  Sprachdosen/Telefon
  Gelb:  Uebertragung zwischen Verteilern
  Rot:   sicherheitskritische oder
         abgeschirmte Netze
  Gruen: ISDN (ueberholt)
  # Der Nutzen: Man sieht auf den ersten Blick,
  # welches Kabel wohin gehoert. Und beim Patchfeld
  # erkennt man den Zweck ohne Dokumentation.
  # WICHTIG: NICHT das Kabel typischerweise
  # beschriften - die DOSE beschriften!

Qualität und Messung

Eine Verkabelung ohne Messung ist eine Vermutung.
  # Fehler, die erst nach Monaten auftreten:
  # zu grosse Daempfung, Uebersprechen,
  # Reflexionen. Ursache fast immer: fehlerhafte
  # Installation oder abgeknicktes/beschaedigtes Kabel.

MESSUNG nach der Installation (durch den Verkabeler!):
  Kabellaenge          innerhalb der Grenzen?
  Daempfung            im Frequenzbereich?
  Uebersprechen (NEXT) Nahnebensprechen
  Reflexion (Return Loss)
  Verzögerungsversatz (Skew)
  Pruefung des Protokolls:
    Drahtbelegung (Aderfarben, Adernpaare!)
    # Der haeufigste Installationsfehler: Paare
    # vertauscht. Mit einem billigen Pruefgeraet
    # sieht alles in Ordnung aus, aber bei
    # 1 Gbit/s bricht die Verbindung ein.
    # Ein einfacher Durchgangstester reicht NICHT!

  Ergebnis: Messprotokoll je Strecke, mit Datum
  und Geraetenamen. AUFBEWAHREN!
  # Ohne Messprotokoll kann man nach einem Umbau
  # nicht beweisen, dass man es nicht war.

Werkzeuge:
  # Installateur: Zertifizierungsmessgeraet (teuer,
  #                  wird vom Verkabeler gestellt)
  # Betrieb:     Kabeltester fuer Durchgang und
  #              Belegung (guenstig, fuer Stoerungen)
  #              Faser: Faser-Messgeraet (OTDR),
  #              LWL-Reinigungsset, Daempfungsmessgeraet

Tests, die man selbst machen kann:
  # 1) Ist am Patchfeld/Verteiler die richtige
  #    Dose verbunden? Pruefgeraet mit Tongenerator.
  # 2) Ist die Leitung stabil unter Last?
  #    iperf3 -c ziel -t 30 -P 4
  #    -> Uebertraegungsrate pruefen (sollte nahe
  #       Gbit/s sein). Fehler (Retries!) anzeigen:
  #    ip -s link show eth0 | grep -A3 errors
  #    ethtool -S eth0 | grep -i err
  # 3) Abbrueche: "Carrier lost" im Protokoll
  #    dmesg | grep -i link
  #    -> Defektes Kabel, abgeknickt, Kontaktproblem.

Kontaktprobleme (haeufige Ursache fuer
"Netzwerk ist manchmal weg"):
  - Kabel nicht eingerastet (KLICK!)
  - Zugentlastung fehlt (Kabel zieht am Stecker)
  - Biegeradius unterschritten (Kabel abgeknickt)
  - Patchkabel geknickt/gewalzt (Buerostuhl!)
  - Patchkabel ueber zu lange Strecke (Kabel 100 m
    + Patchkabel 10 m = 110 m -> zu lang!)
  # Merke: 90 m festes Kabel + 10 m Patchkabel
  # = 100 m. Wer das nicht rechnet, hat
  # Verbindungsprobleme, die niemand erklaeren kann.

Patchkabel und Zubehör

PATCHKABEL
  - Immer zum Kategorie-Standard des festen Kabels
    passend (Cat 6A Kabel -> Cat 6A Patchkabel)
    # Ein Cat 5e Patchkabel an einem Cat 6A Kabel
    # reduziert die Strecke auf Cat 5e.
  - Laengen: 0,5 m bis 10 m ueblich. Laenger nur
    wenn noetig.
  - Beschaedigte/geknickte Patchkabel SOFORT
    austauschen (nicht "geht ja noch")
  - Beschrifte beide Enden bei Strecken ueber
    Verteiler hinweg
  # Massenkauf in passenden Laengen - und zu lange
  # Kabel werden zu Kabelknäueln.

WEITERE HARDWARE
  Patchfeld (Patchpanel)
    - Beschriftung fuer jede Dose
    - Genug Reserve fuer Erweiterungen
    - Bei 24 Dosen: 24er-Feld, kein 48er mit Luecken

  Netzwerkdosen (Anschlussdosen)
    - RJ45, Kategorie passend
    - Immer mit Dosenbeschriftung
    - Bei Konferenzraeumen: mehrere Dosen an
      unterschiedlichen Wenden (Leinwand/Stirnseite!)
      - sonst liegen Kabel quer durch den Raum

  Kabelkanäle und Brüstungskanäle
    - Nie zu voll packen (Manöverreserve!)
    - Durchführungen mit Brandschutz (Wanddurchbruch!)

  Rangierfeld / Kabelmanagement im Verteiler
    - Fuehrung nach vorne, horizontale Traeger
    - Biegeradius einhalten (Kabel nicht quetschen!)

  Aktive Komponenten:
    - Medienkonverter (Kupfer zu Glasfaser) bei
      kurzen Strecken, wenn kein SFP-Platz da ist
    - Power over Ethernet (PoE): fuer Kameras,
      Telefone, Access Points
      # PoE-Leistung pruefen! Der Switch muss den
      # Bedarf der Geraete liefern (802.3af 15,4 W,
      # 802.3at 30 W, 802.3bt bis 90 W).
      # Ein 8-Port-PoE-Switch mit 60 W Gesamtleistung
      # reicht fuer zwei PoE-Kameras, nicht fuer acht.
    - PoE-Injektoren als Ersatz bei fehlendem PoE

NETZWERKDOSEN-RESERVE
  # Immer 20-30 % mehr Dosen verlegen als gebraucht.
  # Eine Dose nachzuruesten kostet ein Vielfaches
  # und ist im laufenden Betrieb laestig.
  # Bei Besprechungsraeumen: 4-6 Dosen je Raum
  # plus Dosis fuer Beamer/Zugangspunkt.

Prüfliste

  1. Ist die Verkabelung Cat 6A (oder besser) für Neubauten?
  2. Ist die Kabellänge geprüft (90 m fest + Patchkabel)?
  3. Ist die Verkabelung sternförmig (keine Kaskaden)?
  4. Gibt es ein Messprotokoll je Strecke mit Datum?
  5. Sind beide Enden jeder Leitung beschriftet (gleiches Schema)?
  6. Ist die Dokumentation aktuell (Tabelle und Plan)?
  7. Ist die Farbcodierung festgelegt und eingehalten?
  8. Sind ungenutzte Dosen dokumentiert (nicht vergessen, nicht abgeklebt)?
  9. Sind Durchführungen mit Brandschutz versehen?
  10. Liefert der PoE-Switch genug Gesamtleistung für alle Geräte?
  11. Sind SFP-Module und Fasertyp aufeinander abgestimmt (Wellenlänge, Reichweite)?
  12. Sind 20–30 % Reserve-Dosen vorhanden (gerade in Besprechungsräumen)?
  13. Ist ein Kabeltester für Störungen vorhanden (und ein Reinigungsset für LWL)?

Häufige Fehler

  1. Keine Messung nach der Installation. Fehlerhafte Paarbelegung zeigt sich erst bei Gigabit-Last. Ein Durchgangstester findet es nicht.
  2. Cat 7 kaufen. Ohne spezielle Stecker bringt es nichts. Cat 6A ist die bessere Investition.
  3. Länge nicht gerechnet. 90 m festes Kabel plus 10 m Patchkabel – wer 100 m fest verlegt, hat Verbindungsprobleme.
  4. Patchkabel quer durch den Raum. Stolperfalle und Kabelbruch. Dosen an den richtigen Wänden vorsehen.
  5. Keine Beschriftung (oder unlesbare). Jede Störungssuche kostet ein Vielfaches. Beschriftungsdrucker verwenden.
  6. Zu wenige Dosen verlegt. Nachrüsten im laufenden Betrieb ist teuer und störend.
  7. PoE-Gesamtleistung übersehen. Acht Ports bedeutet nicht acht Geräte mit 30 W.
  8. LWL-Stecker nicht gereinigt. Verschmutzte Ferrulen verursachen die häufigsten Glasfaserprobleme – und sind mit einem Reinigungsset in Sekunden behoben.
  9. SFP-Wellenlänge und Reichweite nicht geprüft. Kein Licht, keine Verbindung – und die Fehlersuche geht in die falsche Richtung.
  10. Dokumentation nicht gepflegt. Nach zwei Jahren stimmt nichts mehr, und niemand traut sich, Kabel abzuziehen.
  11. Kabelkanäle überpackt. Keine Reserve für spätere Änderungen, Kabel werden gequetscht (Biegeradius!) und Kontaktprobleme entstehen.

Verwandte Grundlagen: Switches, Router, Switch und Hub, TCP, Netzwerk-Tools.