Datensicherung ist der Bereich, in dem die meisten Unternehmen glauben, vorbereitet zu sein – bis sie es ausprobieren müssen. Der entscheidende Satz: Eine Sicherung, deren Wiederherstellung nie geprüft wurde, ist eine Annahme, keine Sicherung.

Die 3-2-1-Regel – und warum sie nicht reicht

3-2-1:
  3 Kopien der Daten (Original + 2 Sicherungen)
  2 verschiedene Medien oder Systeme
  1 Kopie ausserhalb des Standorts

Erweiterung 3-2-1-1-0:
  +1 Kopie ausserhalb des Netzes (unveraenderlich/offline)
  +0 Fehler bei der Wiederherstellung (GEPRUEFT!)

Warum die Erweiterung noetig ist:
  Ransomware verschluesselt ALLES, was erreichbar ist.
  Eine Sicherung im gleichen Netz mit denselben
  Zugangsdaten ist mitbetroffen.
  # Die haeufigste Ursache fuer Totalverluste ist nicht
  # der Angriff, sondern die mitverschluesselte Sicherung.

Wichtig: EINE Kopie muss UNVERAENDERLICH sein
  - Band (nach dem Schreiben physisch getrennt)
  - Objektspeicher mit Aufbewahrungssperre (WORM)
  - Sicherungslaufwerk, das nur zeitweise verbunden ist
  # "Unveraenderlich" heisst: Auch der Administrator
  # kann die Daten in der Aufbewahrungsfrist nicht loeschen.
  # Nur das schuetzt gegen einen Angreifer mit
  # Administratorrechten.

Die drei Sicherungsarten

VOLLSTAENDIG (full)
  Alles wird gesichert.
  Vorteil: Wiederherstellung in einem Schritt
  Nachteil: Gross, langsam, viel Speicher

DIFFERENTIELL (differential)
  Alles seit der letzten VOLLstaendigen.
  Wiederherstellung: letzte volle + letzte differenzielle
  Vorteil: zwei Bausteine, einfach
  Nachteil: waechst taeglich bis zur naechsten vollen

INKREMENTELL (incremental)
  Alles seit der letzten Sicherung (egal welcher Art).
  Wiederherstellung: volle + ALLE inkrementellen in
    richtiger Reihenfolge
  Vorteil: klein, schnell
  Nachteil: Kette! Eine fehlerhafte Sicherung in der
    Mitte macht alle spaeteren unbrauchbar (typische
    Fehlerquelle bei Bandbestaenden)

Empfehlung fuer die Praxis:
  Woechentlich vollstaendig + taeglich inkrementell
  + die Moeglichkeit, aus einer Kette wiederherzustellen
  # Und: die Kette MESSEN, nicht hoffen.

SYNTHETISCH (synthetic full)
  Moderne Werkzeuge erzeugen aus der vollen Sicherung
  und den inkrementellen eine neue "volle", ohne die
  Quelldaten erneut zu lesen.
  Vorteil: Wiederherstellung immer nur zwei Bausteine
  # Sehr praktisch, um Ketten zu vermeiden.

Wiederherstellungsziele

Zwei Zahlen bestimmen die gesamte Planung:

RPO (Recovery Point Objective)
  Wie viel Datenverlust ist akzeptabel?
  RPO = 1 Stunde -> Sicherungen mindestens stuendlich
  RPO = 24 Stunden -> taegliche Sicherung genuegt
  # Die Frage lautet: "Wie viel Arbeit duerfen wir
  # verlieren?" Nicht: "Wie oft kann ich sichern?"

RTO (Recovery Time Objective)
  Wie lange darf die Wiederherstellung dauern?
  RTO = 4 Stunden -> Uebung muss zeigen, dass es geht!
  # Ein RTO ohne gemessene Uebung ist ein Wunsch.

Pruefen ob die Werkzeuge das koennen:
  50 TB Daten in 4 Stunden zurueckholen = 3,5 GB/s
  # Das schafft kaum eine Bandbibliothek. Wer solche
  # Zahlen zusagt, muss sie messen - oder die Zusage
  # anpassen.

Beispielhafte Ziele:
  Datenbank (Bestellungen)  RPO 5 min,  RTO 1 h
  Dateiablage              RPO 24 h,  RTO 8 h
  Firmenwiki               RPO 24 h,  RTO 24 h
  Konfiguration (Infra)  oft aus Git wiederherstellbar
                           RPO 0, RTO 1 h

Der wichtigste Teil: Prüfen

# Ohne diesen Teil ist alles Vorherige wertlos.

# 1) Regelmaessiger Wiederherstellungstest
#    Mindestens vierteljaehrlich, dokumentiert:
#      Datum, was wiederhergestellt wurde,
#      Dauer, Ergebnis, Abweichungen
#    # Ein Ticket mit diesen Angaben ist der Nachweis.

# 2) Automatisierte Pruefung jeder Sicherung
#    - Wurde die Sicherung erstellt? (Zeitstempel)
#    - Ist sie vollstaendig? (Ende-Status des Auftrags)
#    - Groesse im erwarteten Bereich? (Ausreisser = Alarm!)
#    - Anzahl Dateien im erwarteten Bereich?
#    - Pruefsummen (bei Werkzeugen, die das unterstuetzen)
#    # Der haeufigste Ausfall: Keine Sicherung erstellt,
#    # und niemand hat es gemerkt, weil keine Ueberwachung
#    # der Sicherungsauftraege existierte.

# 3) Alarm bei Fehlschlag
#    Ein fehlgeschlagener Sicherungsauftrag MUSS eine
#    Meldung erzeugen. Nicht in einem taeglichen Bericht,
#    den niemand liest, sondern als Alarm.
#    Schwelle: Eine Nacht ohne Sicherung = Alarm.

# 4) Widerherstellung ueben - das ganze Verfahren
#    Nicht nur "Datei zurueckgeholt", sondern:
#      - Auf anderer Hardware?
#      - Von der Offline-Kopie?
#      - Mit dem vollstaendigen Verfahren (auch Konfiguration,
#        Zugangsdaten, DNS-Umstellung)?
#    # Die eigentliche Zeitfalle ist nicht die Datenmenge,
#    # sondern die Wiederherstellung der Umgebung drumherum.

# 5) Pruefen, dass die Sicherung nicht mitverschluesselt wurde
#    Stichprobe: Datei aus der Sicherung oeffnen.
#    # Eine Sicherung kann technisch "erfolgreich" sein
#    # und trotzdem verschluesselten Inhalt enthalten.

Sicherungen für Anwendungen richtig machen

# Die haeufigste Falle: Datenbankdateien im laufenden
# Betrieb kopieren. Ergebnis: eine Sicherung, die
# beim Zurueckspielen inkonsistent ist.

# FALSCH: Dateien einfach kopieren
cp -r /var/lib/postgresql/data /sicherung/         # NEIN!

# RICHTIG: Werkzeuge der Datenbank verwenden
pg_dump -Fc -f /sicherung/db.dump meine_db          # PostgreSQL
mysqldump --single-transaction meine_db > dump.sql  # MySQL/MariaDB
sqlite3 daten.db ".backup /sicherung/daten.db"      # SQLite (auch im Betrieb!)

# Oder: Momentaufnahme und diese sichern
#   LVM-Snapshot, ZFS-Snapshot, Speicher-Snapshot
lvcreate --size 5G --snapshot --name schnapp /dev/vg/daten
#   Dann aus dem Schnapp sichern und ihn danach loeschen.
#   # Nachteil: Die Momentaufnahme waechst mit den Aenderungen.
#   # Kurz halten!

# Bei Kubernetes: PersistentVolumeClaims sichern
#   (Velero oder Kasten) - nicht die Dateien des Knotens

# Anwendungsdaten und Datenbank MUESSEN zusammenpassen:
#   Eine Datenbank aus 10:00 und Dateien aus 12:00
#   sind inkonsistent. Beide aus demselben Zeitpunkt
#   sichern (Momentaufnahme fuer beide oder Anwendung
#   kurz anhalten / in Lese-Modus setzen).

Prüfliste

  1. Gibt es drei Kopien auf zwei Medien, eine davon außer Haus?
  2. Ist eine Kopie unveränderlich (WORM, Band, getrenntes Laufwerk)?
  3. Sind RPO und RTO je Dienst definiert?
  4. Ist die Wiederherstellung in den letzten 3 Monaten getestet worden – mit Protokoll?
  5. Wird jeder Sicherungsauftrag automatisch auf Erfolg geprüft?
  6. Löst ein fehlgeschlagener Sicherungsauftrag einen Alarm aus?
  7. Ist die Größe der Sicherungen auf Ausreißer geprüft?
  8. Wird die Sicherung mit den Werkzeugen der Anwendung erstellt (nicht durch Dateikopie)?
  9. Werden Datenbank und Dateien aus demselben Zeitpunkt gesichert?
  10. Sind die Aufbewahrungsfristen definiert (und eingehalten)?
  11. Ist der Zugriff auf die Sicherungen beschränkt (nicht mit denselben Konten wie das Produktivsystem)?
  12. Ist die Wiederherstellung von der Offline-Kopie einmal geübt?

Häufige Fehler

  1. Keine Prüfung der Wiederherstellung. Der häufigste und teuerste Fehler. Der Bericht „Sicherung erfolgreich“ bezieht sich auf den Schreibvorgang, nicht auf die Brauchbarkeit.
  2. Sicherung im gleichen Netz mit gleichen Konten. Ransomware erreicht sie. Unveränderliche Kopie ist Pflicht.
  3. Fehlgeschlagene Aufträge ohne Alarm. Drei Wochen ohne Sicherung – und niemand hat es bemerkt.
  4. Dateikopie statt Anwendungswerkzeug. Liefert bei Datenbanken inkonsistente Sicherungen.
  5. Größenausreißer ignoriert. Eine plötzlich halb so große Sicherung ist ein Warnsignal (Sicherung unvollständig oder Daten verschwunden).
  6. Zu lange Ketten. Bei inkrementellen Sicherungen ohne synthetische Vollkopie wird die Wiederherstellung lang und fehleranfällig.
  7. Keine RPO/RTO definiert. Ohne Ziele weiß man nicht, ob die Sicherung ausreicht – und plant entweder zu viel oder zu wenig.
  8. Ungeprüfte Sicherung zurückgespielt. Rückkehr des Schadcodes, wenn die Kompromittierung vor der Sicherung begann.
  9. Aufbewahrung vergessen. Sicherungen werden nie gelöscht und wachsen unbegrenzt – oder die Aufbewahrung ist kürzer als die Erkennungszeit eines Angriffs.

Verwandte Grundlagen: Backup, 3-2-1-Regel konkret, Datenbank-Backup, Vorfallbehandlung.